Ausschüttend oder thesaurierend: der Unterschied ist kleiner als gedacht
Die Frage wird oft so diskutiert, als hinge daran die Rendite eines Jahrzehnts. Tatsächlich hat die Investmentsteuerreform den entscheidenden Unterschied weitgehend eingeebnet: Beide Varianten werden laufend besteuert, nur auf unterschiedlichem Weg. Was bleibt, sind zwei praktische Unterschiede – und einer davon wird regelmäßig unterschätzt.
Was technisch passiert
Ein Fonds vereinnahmt Dividenden und Zinsen der enthaltenen Wertpapiere. Ein ausschüttender ETF zahlt diese Erträge in festen Intervallen – meist quartalsweise oder halbjährlich – an die Anleger aus. Der Anteilspreis sinkt am Ausschüttungstag entsprechend.
Ein thesaurierender ETF behält die Erträge im Fondsvermögen und investiert sie wieder. Der Anteilspreis steigt entsprechend, die Anzahl Ihrer Anteile bleibt gleich. Wirtschaftlich ist das Ergebnis dasselbe, nur in anderer Form.
Der Unterschied liegt also nicht im Ertrag, sondern in seiner Sichtbarkeit und in der Frage, wer die Wiederanlage übernimmt.
Die steuerliche Gleichstellung
Vor der Investmentsteuerreform hatten thesaurierende Fonds – vor allem ausländische – einen echten Stundungsvorteil: Die Steuer fiel erst beim Verkauf an. Seit 2018 verhindert die Vorabpauschale das.
Sie besteuert einen fiktiven Mindestertrag: Rücknahmepreis zum Jahresanfang, multipliziert mit dem Basiszins und mit 70 Prozent, gedeckelt auf die tatsächliche Wertsteigerung des Jahres, danach Teilfreistellung von 30 Prozent bei Aktienfonds. Belastet wird sie Anfang Januar für das Vorjahr.
| Merkmal | Ausschüttend | Thesaurierend |
|---|---|---|
| Laufende Besteuerung | auf die Ausschüttung | auf die Vorabpauschale |
| Zeitpunkt | bei jeder Ausschüttung | Anfang Januar für das Vorjahr |
| Teilfreistellung bei Aktienfonds | 30 % | 30 % |
| Bei Kursverlust im Jahr | Steuer auf Ausschüttung fällt an | keine Vorabpauschale |
| Anrechnung beim Verkauf | entfällt | gezahlte Vorabpauschalen werden angerechnet |
Was vom Vorteil übrig bleibt
Die Vorabpauschale ist in aller Regel niedriger als eine vollständige Ausschüttung derselben Erträge – erstens wegen der Kürzung auf 70 Prozent des Basiszinses, zweitens wegen des Deckels auf die tatsächliche Wertsteigerung. In Jahren mit Kursverlust entfällt sie ganz.
Daraus bleibt ein Rest an Steuerstundung: Ein Teil der Steuer wird in die Zukunft verschoben und kann bis dahin weiterarbeiten. Über lange Zeiträume ist das ein messbarer, aber kein dramatischer Vorteil.
Der zweite Vorteil ist unspektakulärer und im Alltag wichtiger: Bei einem thesaurierenden Fonds gibt es nichts zu tun. Wer Ausschüttungen wieder anlegen will, muss dafür eine Order erteilen – und zahlt dafür je nach Broker erneut Gebühren.
Wann die ausschüttende Variante gewinnt
Der Sparer-Pauschbetrag von 1.000 Euro pro Person und Jahr verfällt, wenn er nicht genutzt wird. Ausschüttungen füllen ihn zuverlässig auf, ohne dass Anteile verkauft werden müssen – gerade in den ersten Jahren eines Depots, wenn Kursgewinne noch nicht realisiert werden sollen.
Bei thesaurierenden Fonds übernimmt die Vorabpauschale diese Rolle, fällt aber in vielen Jahren so niedrig aus, dass der Freibetrag ungenutzt bleibt. Bei einem niedrigen Basiszins oder einem schwachen Börsenjahr ist sie sogar null.
In der Entnahmephase kehrt sich das Bild vollends um: Wer aus dem Depot leben will, bekommt mit ausschüttenden ETFs regelmäßig Liquidität, ohne jedes Mal eine Verkaufsentscheidung zu treffen und Ordergebühren zu zahlen.
Die praktische Empfehlung
In der Aufbauphase mit langem Horizont und ohne sonstige Kapitalerträge: thesaurierend, wegen der automatischen Wiederanlage und des verbleibenden Stundungseffekts. Wer den Freibetrag ausnutzen will, kann ihn durch einen gezielten Teilverkauf einmal im Jahr füllen.
Wer den Freibetrag ohne Aufwand nutzen will, wer Liquidität aus dem Depot braucht oder wer psychologisch von sichtbaren Erträgen profitiert: ausschüttend.
Und in beiden Fällen gilt: Die Entscheidung zwischen den Varianten ist deutlich weniger folgenreich als die Entscheidung über Index, Kosten und Durchhaltevermögen. Sie ist eine Feinjustierung, keine Weichenstellung.