Notgroschen: wie viel Rücklage wirklich reicht – und warum sie nicht ins Depot gehört
Der Notgroschen ist die Position im Haushalt, die keine Rendite bringen soll, sondern etwas anderes: dass eine kaputte Waschmaschine, eine Nachzahlung oder drei Monate ohne Auftrag keine Schulden erzeugen. Wie hoch er sein muss, hängt von wenigen Fragen ab, und wo er liegt, von einer einzigen – täglich verfügbar, ohne Kursrisiko. Ein Tagesgeldkonto erfüllt beides; wir rechnen vor, wie viel hineingehört, und vergleichen die Alternativen.
Wozu der Notgroschen da ist – und wozu nicht
Der Notgroschen deckt Ausgaben, die weder planbar noch aufschiebbar sind: die Autoreparatur vor der Pendelstrecke, die Nebenkostennachzahlung, den Zahnarzt, den Monat zwischen zwei Jobs. Er ist kein Sparziel für den Urlaub und keine Anzahlung für die Wohnung – dafür gibt es eigene Töpfe. Und er ist kein Investment: Seine Aufgabe ist, da zu sein, wenn er gebraucht wird, nicht zu wachsen.
Diese Trennung entscheidet über die Anlageform. Alles, was Rendite bringt, schwankt oder ist gebunden; der Notgroschen darf beides nicht. Wer ihn im Depot hält, verkauft im Notfall womöglich mit Verlust – und der Notfall kommt erfahrungsgemäß nicht dann, wenn die Kurse hoch stehen.
Wie viel: die Rechnung für Ihren Haushalt
Die Faustregel „drei bis sechs Monatsausgaben" ist ein Rahmen, kein Ergebnis. Der erste Schritt ist, die tatsächlichen monatlichen Fixkosten zu kennen: Miete oder Rate, Nebenkosten, Versicherungen, Lebensmittel, Mobilität, Kommunikation, Kinderbetreuung. Wer 2.400 Euro im Monat braucht, liegt bei drei Monaten bei 7.200 Euro, bei sechs Monaten bei 14.400 Euro. Das Einkommen spielt in dieser Rechnung keine Rolle – die Reserve soll Ausgaben decken, nicht den Lebensstandard konservieren.
Der zweite Schritt ist die Anpassung an das eigene Risiko. Vier Faktoren verschieben den Bedarf nach oben: schwankendes oder selbstständiges Einkommen, ein Alleinverdiener-Haushalt, Wohneigentum mit Reparaturrisiko und hohe Selbstbehalte bei Versicherungen. Nach unten wirken zwei Einkommen, eine unbefristete Anstellung mit langer Kündigungsfrist und ein Mietverhältnis ohne Instandhaltungspflichten.
| Situation | Monatsausgaben als Reserve | Beispiel bei 2.400 € Fixkosten |
|---|---|---|
| Doppelverdiener, unbefristet, Miete | 3 Monate | 7.200 € |
| Alleinverdiener mit Familie, Miete | 6 Monate | 14.400 € |
| Angestellt, Wohneigentum | 6 Monate plus Reparaturrücklage | 14.400 € + 1 % des Immobilienwerts pro Jahr |
| Selbstständig oder freiberuflich | 6–12 Monate | 14.400–28.800 € |
| Rentner mit laufender Rente | 3 Monate plus Selbstbehalte | 7.200 € + Zahnersatz, Auto, Haushaltsgeräte |
Warum der Dispo kein Ersatz ist
Die häufigste Antwort auf die Frage nach der Rücklage lautet: „Dafür habe ich den Dispo." Das ist ein Kredit, kein Vermögen. Er kostet je nach Bank zwischen 8 und 14 Prozent im Jahr, er kann von der Bank ohne Ihr Zutun gekürzt oder gekündigt werden – typischerweise dann, wenn das Einkommen wegbricht und er am dringendsten gebraucht würde – und er verwandelt einen Notfall in eine Rückzahlungspflicht, die den nächsten Monat belastet. Was der Dispo wirklich kostet und wann ein Rahmenkredit die bessere Brücke ist, steht im eigenen Beitrag.
Dasselbe gilt für den Kreditrahmen der Kreditkarte. Er ist eine sinnvolle Liquiditätsbrücke für vier Wochen bis zur Abrechnung, aber keine Reserve für drei Monate ohne Einkommen.
Wo die Rücklage liegen sollte: Tagesgeld
Die Anforderungen sind eindeutig: täglich verfügbar, kein Kursrisiko, kein Zugriff der Gläubiger einer Bank im Insolvenzfall. Ein Tagesgeldkonto erfüllt alle drei. Das Guthaben ist über das Referenzkonto innerhalb eines Bankarbeitstags verfügbar, es schwankt nicht, und es ist bis 100.000 Euro je Kunde und Bank durch die Einlagensicherung geschützt – für einen Notgroschen mehr als genug.
Wichtig ist die räumliche Trennung vom Girokonto. Eine Reserve, die auf dem Girokonto liegt, ist in drei Monaten aufgebraucht, weil sie sich nicht von verfügbarem Geld unterscheidet. Ein eigenes Konto bei einer anderen Bank schafft die Hürde, die zwischen „ich hätte gern" und „ich brauche" liegt. Auf dem Girokonto selbst reicht ein Puffer von einer Monatsausgabe gegen die Lastschriften, die vor dem Gehalt kommen.
Der Zins ist zweitrangig, aber nicht egal. Wer den Neukundenzins einer Bank mitnimmt, sollte nach Ablauf der Aktion nicht wechseln müssen, um den Notgroschen zu behalten – ein solider Bestandskundenzins bei einer Bank, die auch in drei Jahren noch existiert, ist für diesen Zweck wertvoller als der höchste Aktionszins. Welche Anbieter das bieten, zeigt der Tagesgeld-Vergleich.
Die Alternative: Geldmarkt-ETF
Geldmarkt-ETFs bilden den kurzfristigen Interbankenzins ab – im Euroraum den €STR – und verzinsen damit taggenau auf Höhe des Leitzinsumfelds, ohne Aktionsfristen und ohne Bestandskundenabschlag. Sie werden über das Depot gekauft und verkauft, schwanken praktisch nicht und sind als Sondervermögen vor der Insolvenz des Anbieters geschützt. Für Beträge über der Einlagensicherungsgrenze oder für alle, die ohnehin ein Depot führen, sind sie eine ernsthafte Alternative zum Tagesgeld.
Zwei Unterschiede bleiben. Der Verkauf braucht zwei Bankarbeitstage bis zur Gutschrift und je nach Broker eine Ordergebühr – für einen Notfall am Freitagabend ist das Geld erst am Dienstag da. Und es gibt keine Einlagensicherung, sondern den Schutz als Sondervermögen; das ist ein anderes, nicht unbedingt ein schlechteres Sicherheitsversprechen. Wer beides kombiniert – eine Monatsausgabe auf dem Tagesgeld, den Rest im Geldmarkt-ETF – hat Verfügbarkeit und Zins zugleich.
| Merkmal | Tagesgeld | Geldmarkt-ETF |
|---|---|---|
| Verfügbarkeit | taggleich bis 1 Bankarbeitstag | 2 Bankarbeitstage nach Verkauf |
| Zins | variabel, oft Aktionszins mit Ablauf | nahe am Leitzinsumfeld, ohne Aktionsfrist |
| Kursrisiko | keines | minimal |
| Schutz | Einlagensicherung bis 100.000 € | Sondervermögen, keine Betragsgrenze |
| Kosten | keine | Gesamtkostenquote ca. 0,1 %, ggf. Ordergebühr |
| Steuer | Abgeltungsteuer auf Zinsen | Abgeltungsteuer, Vorabpauschale bei Thesaurierung |
Aufbauen, ohne es zu merken
Die Reserve entsteht nicht aus dem, was am Monatsende übrig bleibt – da bleibt selten etwas. Sie entsteht aus einem Dauerauftrag am Tag nach dem Gehaltseingang, der einen festen Betrag auf das Tagesgeldkonto schiebt, bevor das Geld ausgegeben werden kann. Bei 150 Euro im Monat ist eine Reserve von 7.200 Euro in vier Jahren voll; wer zwischendurch einen Bonus oder eine Steuererstattung erhält, verkürzt das erheblich.
Ist das Ziel erreicht, endet der Dauerauftrag nicht, sondern wechselt das Ziel: Derselbe Betrag geht dann in den ETF-Sparplan oder in eine Festgeldtreppe für Geld, das planbar später gebraucht wird. Und die Reserve wird einmal im Jahr überprüft – steigen die Fixkosten, steigt sie mit.